Eigenhändiger, signierter Brief des Ingenieurs Hermann Rietschel (1847-1914), der als Begründer der Heizungs- und Klimatechnik gilt. --- Datiert Warnemünde, Hôtel Herringer, den 30. August 1911. -- Geschrieben aus dem Urlaub bzw. Kur. --- Signiert mit "Mens"; dies ist als Spitzname von Hermann Rietschel erwähnt in: Klaus W. Usemann: Entwicklung von Heizungs- und Lüftungstechnik zur Wissenschaft: Hermann Rietschel, Leben und Werk, München 1993, S. 95. --- Gerichtet an seine Schwester Gertrud Rudorff, geb. Rietschel (* 4. Juli 1853 in Dresden, 1937), Ehefrau des Komponisten, Musikpädagogen und Naturschützers Ernst Rudorff (1840-1916). --- Hermann Rietschel erwähnt im Brief seine Tochter Else von Salmuth, geb. Rietschel (1872-1930), Ehefrau des preußischen Polizeipräsidenten Arthur von Salmuth (1861-1937); einmal auch seine verstorbene erste Ehefrau Martha, geb. Leinhaas (1850-1905). Seine zweite Ehefrau Magdalene Rietschel, geb. Piesnack (1856-1916), die er erst 1910 geheiratet hatte, nennt er im Brief "Helene" auch dies ist als Spitzname von ihr im Werk von Klaus W. Usemann (auf S. 565) erwähnt. --- Umfang: acht beschriebene Seiten (17 x 13 cm); ohne Umschlag. --- Auszüge: "Mein geliebtes Schwesterlein! [.] Wir sind hier in Warnemünde, wo es uns sehr gefällt. Wenn man lange nicht die See gesehen hat, so ist es doch herrlich, wieder ein paar Wochen an ihr weilen zu können. Es ist hier ein herrlicher Strand, fast immer herrscht ein kräftigender Wind [.]. Daß wir nach hier gegangen sind, daran ist mein Versprechen an Georg, ihm von August ab Urfeld wieder zu geben, schuld. Gern sind wir von dort nicht geschieden, da es Helene u. mir recht gut tat [.]." --- Anm.: In Urfeld (Kochel am See) verbrachte Hermann Rietschel von 1886 bis 1914 Teile der Sommermonate, zusammen mit anderen Intellektuellen. Melusine Rudorff (1881-1959) ist die Tochter seiner Schwester. Mit Georg ist Hermanns Bruder, der Theologe Georg Rietschel (1842-1914) gemeint. --- "Nach Vollendung der Arbeit will ich zunächst nach Dresden fahren, um mir die große internationale Hygiene-Ausstellung, zu deren Direktorium ich sogar gehöre, anzusehen. Else fand ich etwas wohler anzusehen. Sie kam wider Erwarten mit den Jungen nach Urfeld, während Arthur mit Eva von Herrenalb, wo sie alle geweilt hatten, nach Liegnitz abreiste. Else hatte sich ohne daß wir etwas davon wußten, in Italien von einem bedeutenden Chirurgen opierieren lassen (sie hatte doch ein gleiches Leiden wie Martha, doch eine leichte Operation durchzumachen). Zum Glück ist alles gut abgelaufen." --- Dann über seinen Bruder Georg Rietschel: "Er ist ein lieber Prachtsmensch! Endlich hat er sich entschlossen, seinen Abschied zu nehmen ich bin darüber sehr glücklich.[.]." Wenn man so in der Welt, wie wir jetzt, herumfährt und in den Gasthäusern mit all den [.] geputzten, lauten Menschen leben u. essen muß und von [.] rücksichtslosem Sprechen des Abends nicht schlafen kann dann sieht man erst, wie schön ein eigenes Heim ist. Ich denke ja ernstlich daran, Urfeld zu verkaufen, habe inseriert, den Preis herabgesetzt kein Mensch aber kommt und wenn einer kommt, dann paßt dieses u. jenes nicht, dem einen ist das Haus zu teuer, der andere ist entzückt, sucht aber ein kleineres Haus oder seine Frau fürchtet erschwerten Haushalt [.]. Im Stillen freue ich mich darüber, denn ein unvergleichlich schönes Stückchen Erde ist es und der Gedanke, sich von jetzt in Gasthäusern herumzudrücken, ist so scheußlich, daß alle anderen Verkaufsgründe in den Hintergrund treten. [.] sei selber innigst gegrüßt von Helene und Deinem alten getreuen Mens." --- Zustand: Brief gefaltet; Papier leicht gebräunt und etwas fleckig.
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