Eigenhändiger, signierter Brief des Ingenieurs Hermann Rietschel (1847-1914), der als Begründer der Heizungs- und Klimatechnik gilt. --- Datiert Grunewald-Berlin, den 3. Juli 1901. --- Gerichtet an seine Schwester Gertrud Rudorff, geb. Rietschel (* 4. Juli 1853 in Dresden, 1937), Ehefrau des Komponisten, Musikpädagogen und Naturschützers Ernst Rudorff (1840-1916). --- Hermann Rietschel erwähnt im Brief seine Ehefrau Martha, geb. Leinhaas (1850-1905) und seine Tochter Else von Salmuth, geb. Rietschel (1872-1930), Ehefrau des preußischen Polizeipräsidenten Arthur von Salmuth (1861-1937). --- Umfang: sechs beschriebene Seiten (22 x 13,8 cm); ohne Umschlag. --- Auszüge: "Meine geliebte Gertrud! Wenn nicht die Geburtstage in der Welt wären, so hörte man gar nichts von einandern. Der 4. Juli giebt mir nun die Veranlassung mich bei Dir zu melden und Dir die herzlichsten und treuesten Wünsche für Dich und die Deinigen zu senden. Dein l. Karte theilt mir mit, daß der Arzt mit Ernst's Befinden zufrieden ist und so wollen wir hoffen, daß er sich recht erholt und die schwere Erkrankung bald als überwunden betrachtet werden kann. [.] Ich habe in den letzten Monaten wie ein Einsiedler gelebt, ich habe so viel zu arbeiten, jeden Morgen sitze ich um ½ 7 Uhr schon am Schreibtisch ein Buch muß fertig werden. Ich finde, daß je älter man wird, um so mehr muß man sich abarbeiten es ist schon nicht mehr schön." --- Bezogen wohl auf sein 1902 bei Springer erschienenes Werk "Leitfaden zum Berechnen und Entwerfen von Lüftungs- und Heizungs-Anlagen"? --- "Es ist mir ein aufrichtiges Herzeleid, daß wir uns so wenig sehen wer weiß, wie lange dsas Leben noch dauert. [.] Martha steht im Aufbruch nach Urfeld, morgen oder übermorgen will sie reisen. Else mit den Kindern kommen nach Urfeld. Martha ist angegriffen und sie thut mir leid, daß sie jetzt zu keiner Erholung kommt. Ein Uebermaaß von schlechten Leuten, von der faulsten bis zur gemeinsten Sorte, hat ihr in den letzten Monaten das Leben sehr verbittert, den Portier mußte ich durch das Gericht herauswerfen lassen. Dabei soll man geistig arbeiten u. schaffen es giebt Zeiten, die einem nicht gefallen." --- Dann über gesundheitliche Sorgen; ein Verdacht auf eine schwere Erkrankung hatte sich nicht bestätigt. --- "Ich bin von Herzen dankbar u. glücklich, daß ich keine schwere Sorge mir zu machen habe und dem Leben wieder geschenkt bin, denn als ein großes Geschenk muß ich die günstige Lösung auffassen. Bei Else haben die Kinder die Masern gehabt, die Erholung in Urfeld wird ihnen gut thun, wenn nur sonst Ruhe, Frieden und Freudigkeit dort herrschen wird. Für Martha ist ja Urfeld mit den Kindern recht viel, ich weiß nicht, wie das in späteren Jahren werden soll. [.] Lebe wohl, grüße Ernst tausendmal und sei Du umarmt und geküßt von Deinem alten getreuen Hermann. Ich hoffe, am 20. dss. nach Urfeld reisen zu können, muß dann aber leider am 10. August auf 8 Tage nach Mannheim, wo ich einen Vortrag zu halten habe." --- Anm.: In Urfeld (Kochel am See) verbrachte Hermann Rietschel von 1886 bis 1914 Teile der Sommermonate, zusammen mit anderen Intellektuellen wie Musikern, Malern, Schriftstellern, Ingenieuren, Ärzten und frühen Politikern der SPD. --- Zustand: Brief gefaltet; Papier leicht gebräunt und etwas knittrig.
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